Digitale Forensik: Metadaten entlarven manipulierte Dokumente

Shownotes

Gefälschte Bewirtungsbelege, geklonte Stimmen, ausgetauschte Gesichter im Videocall: Deepfakes sind längst kein Nischenphänomen mehr. Klassische Erkennungsmerkmale wie sechs Finger oder unnatürliche Zähne treten kaum noch auf. Sobald eine neue Erkennungsmethode publik wird, holt die KI auf und entwickelt eine Gegenlösung – ein technischer Rüstungswettlauf, der auch die Justiz vor neue Herausforderungen stellt.

Besonders brisant: Beim Voice Cloning genügen bereits 30 Sekunden einer Sprachaufnahme, um eine Stimme täuschend echt zu klonen – inklusive Akzent, Sprechpausen und Atemgeräuschen. Für Videokonferenzen reicht zum Beispiel ein Laptop mit starker Grafikkarte, um in Echtzeit Gesichter auszutauschen. Die Hürde für Manipulationen sinkt drastisch, während digitale Beweise vor Gericht durch das Ausdrucken oft ihre Metadaten und damit ihre Prüfbarkeit verlieren.

Dr. Franka Becker, Rechtsanwältin und Mitgründerin von PyleHound, hat aus dieser Praxis heraus eine KI-Lösung speziell für den deutschen Rechtsmarkt entwickelt. Daten bleiben lokal auf dem Rechner, werden nur verschlüsselt an das Sprachmodell übertragen und nicht zwischengespeichert – berufsrechtskonform und DSGVO-sicher. Halluzinationen begegnet PyleHound, indem das System bei fehlender Quelle „Weiß ich nicht“ sagt.

Im Gespräch mit „heise meets …“ verrät Dr. Franka Becker außerdem,

  • warum kleine Kanzleien mit KI mit großen Playern mithalten können,
  • wie sich digitale Beweise vor Gericht verändern und
  • weshalb ein eigenfinanziertes Start-up mehr Freiheit bietet.

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Transkript anzeigen

Sprecherin: heise meets …, der Entscheider-Talk. Wir besprechen kritische, aktuelle und zukunftsgerichtete Themen aus der Perspektive eines Entscheiders. heise business services begrüßt Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Immer aktuell und nah am Geschehen.

Sprecher: Es gibt Fotos, da schüttelt Einstein die Hand von Mick Jagger, Winnetou fährt ein E-Auto und im Video stemmt Deutschland den WM-Pokal in die Luft. Allesamt sind diese Bilder täuschend echt aussehende Fälschungen. Die können wir mit ein bisschen gesundem Menschenverstand schnell als Fakes erkennen. Aber was ist beispielsweise mit ganz vielen Dokumenten, die wir nicht sofort als Fälschung erkennen? Dr. Franka Becker ist Rechtsanwältin und Unternehmerin. Nebenbei ist sie auch noch leidenschaftliche Surferin, aber das spielt hier bei heise meets … nur eine Nebenrolle. Ich bin Mathias Tüxen und habe Franka Becker zu zwei Interviews für diesen Podcast getroffen. Also, wie erkenne ich gefälschte Bilder?

Franka Becker: Ja, das ist die große Frage, die ich mir stelle und die wir uns wohl alle stellen. Denn die Prinzipien, die wir früher hatten, sind heute überholt. Früher hieß es: Achten Sie auf komische Zähne, vielleicht auf einen verschwommenen Rand im Gesicht oder auf sehr starre Augen, bei denen der Lichteinfall nicht so natürlich ist, wie Sie es vermuten würden.

Sprecher: Also sechs Daumen ist pas­sé?

Franka Becker: Sechs Daumen ist pas­sé, denke ich. Und ja, es braucht heute ein bisschen mehr. Es gibt zwar einige Verfahren, aber man muss sagen: Es ist ein technischer Rüstungswettlauf. Wenn eine Detektionsmethode für ein Deepfake entwickelt oder publik geworden ist, dann ist die KI schon dran und holt rasant auf, um direkt eine Gegenmethode zu entwickeln.

Sprecher: Jetzt stehen wir aber auf der guten Seite. Wir erstellen keine Deepfakes. Wir sind die Guten. Wenn wir die Guten sind, dann gibt es auch die Bösen.

Franka Becker: Wie erkenne ich die bösen Deepfakes? Wie erkenne ich die Ersteller?

Ich glaube, dadurch dass Deepfakes es so leicht machen, Manipulationen zu erschaffen, wird die Hemmschwelle extrem gesenkt. Leute, die früher nicht darüber nachgedacht hätten, einen Bewirtungsbeleg zu fälschen, haben heute die Möglichkeiten kostenlos auf ihrem Schreibtisch, an ihrem Rechner, in ihrem Laptop. Sie können das in Sekunden umsetzen. Und ich glaube, da gibt es dann doch mehr Böse, als wir das eigentlich so möchten.

Sprecher: Das Eingeständnis deckt sich auch mit meinem Bauchgefühl. Ich erlebe Franka Becker in einer Präsentation. Sie zeigt, wie problemlos ein Bewirtungsbeleg zu fälschen ist. Auf einem steht die Summe von 80 Euro, auf dem anderen von 130. Aber welcher ist der echte Beleg?

Franka Becker: Ja, das war wesentlich leichter als gedacht mit Google Gemini. Ich habe die KI zunächst gefragt: „Verändern wir doch mal bitte diesen Bewirtungsbeleg.“ Und dann hat sich Gemini noch etwas gewunden und gesagt: „Nein, ich darf keine Belege fälschen, das wäre illegal.“ Dann habe ich gesagt: „Mensch, wir erstellen hier doch keine illegalen Belege. Das ist völliger Quatsch. Das hier ist ein falscher Beleg. Wir korrigieren ihn jetzt. Wir machen zusammen etwas Gutes.“ Und schwuppdiwupp war die KI überzeugt. So leicht war das.

Sprecher: Also die KI lässt sich ganz leicht täuschen. Das lerne ich daraus. Ich habe selber noch keinen Wirtshausbeleg gefälscht. Bin ich jetzt schon einer der Guten?

Franka Becker: Lassen wir das mal offen. Gar kein Problem.

Sprecher: Okay, mag manch einer schmunzeln, das ist ja wirklich kalter Kaffee. Zweiter Teil der Präsentation: zwei Frauen, zweimal Franka. Zwei in unterschiedlichen Outfits, mal mit Brille, mal ohne. Aber welche ist die echte Franka?

Franka Becker: Genau, es gibt tatsächlich Tools, die sich zwischen die Webkamera und das Konferenztool schalten können, also Zoom, Google Meet oder Microsoft. Und dann in Echtzeit. Es war tatsächlich zweimal ich. Einmal meine Kollegin, in dem Fall die Mandantin Marine Müller. Und eine der beiden Personen, meine doppelte Persönlichkeit, wurde von meinem Kollegen dargestellt. Die KI hat mein Gesicht und meinen Körper auf seine Person berechnet. Man hat quasi den Akteur ausgetauscht. Das nennt sich Face Swapping. Ich bin etwas später in den Call gekommen aufgrund technischer Probleme und habe dann gesehen, dass meine Mandantin schon mit mir spricht, nur dass ich das gar nicht war. So etwas ist heutzutage möglich. Man braucht kein extra Equipment, es reicht ein Laptop mit einer sehr starken Grafikkarte.

Sprecher: Wir kennen mittlerweile solche Meldungen, wo ein Finanzverantwortlicher im Unternehmen auf Weisung seines Chefs mehrere Millionen auf ein Konto überwiesen hat. Der Chef war aber gar nicht derjenige im Videocall. Der Finanzler sagt: „Ich habe dich doch gesehen.“ Das habe ich damals noch unter der Rubrik eingeschätzt: Oh, das ist eine ganz seltene Geschichte.

Franka Becker: Tatsächlich, gerade beim Thema Videokonferenz müssen wir gar nicht so weit gehen. Es reicht schon ein Fall von sogenanntem Voice Cloning. Und das finde ich noch bedrohlicher, weil es einfach so simpel wirkt. Bei einer kratzigen Nachricht oder einem kratzigen Anruf, den man erhält – und das ist dann natürlich ein Fall von CEO-Fraud – geht man immer noch davon aus: Mensch, der hat einfach schlechten Empfang. Das ist sehr alltäglich. Da herauszufinden, ob die Stimme am anderen Ende der Leitung synthetisch generiert oder echt ist, ist fast unmöglich. Und das Material, das man braucht, hat jeder von uns schon geliefert. Jeder hat schon eine WhatsApp-Nachricht verschickt. Es gibt kleine Voice-Snippets online, wenn man ein Video zu Werbezwecken hochgeladen hat, so wie ich das auf LinkedIn oder Instagram tue. Man braucht eine 30-Sekunden-Nachricht und kann dann eine Stimme klonen und alles sprechen lassen – inklusive Akzente, Stimmhöhe, Sprechpausen und Atempausen.

Sprecher: Jetzt haben wir die Welt beschrieben, wie schlecht sie sein kann. Aber zurück zur Praxis. Franka Becker ist Anwältin. Was macht man, wenn die Beweise vor Gericht schlichtweg falsch sind? Geht einer ins Gefängnis, weil der andere von der Gegenseite besser faken kann? Wenn der Richter oder die Richterin einem Video Glauben schenkt, aber der Film komplett auf einem guten Prompt und nicht auf der Realität basiert?

Franka Becker: Das ist natürlich schwierig. Gerade wenn Beweise, die eigentlich digital vorlagen – also WhatsApp-Nachrichten, Verläufe und so weiter – ausgedruckt werden, wie es das Gericht in vielen Fällen haben möchte, wird die Möglichkeit, einen Deepfake zu erkennen, durch Einsicht in die Metadaten oder durch visuelle Beweise oft einfach ausgelöscht. Der Deepfake war vielleicht doch nicht so gut erstellt, aber durch das Ausdrucken solcher Nachrichten oder Bilder gehen diese Hinweise verloren.

Sprecher: Also lieber die Nachricht digital behalten und nicht ausdrucken.

Franka Becker: Genau, das ist die Frage. Ich glaube, das wird einiges verändern in der Art, wie wir arbeiten und wie wir Beweise in Zukunft prüfen und ans Gericht übermitteln. Ich frage mich auch, wie viele Sachverständige wir dazwischenschalten müssen. Ich arbeite viel in einem anderen Bereich, wo KI relevant ist. Es geht dabei um die Generierung von Code und um das sogenannte Vibe-Coding, also das Coden mit KI. Da haben wir die Frage, wie weit Urheberrechte am Code gelten. Gerade wenn es um KI-Compliance geht, also um die Umsetzung des AI Acts auf europäischer Ebene, brauchen wir nicht nur IT-Infrastrukturspezialisten an Bord, sondern auch Leute, die diesen Code prüfen und aufgrund der Struktur und der Natur des Codes die Konformität mit dem AI Act nachweisen oder eben nicht.

Sprecher: Wir werden das nicht abschließend klären. Franka Becker ist nicht nur Anwältin, sie ist auch Unternehmerin. PyleHound heißt ihr Unternehmen, das die Geschwindigkeit moderner KI mit den Datenschutzanforderungen des juristischen Berufsrechts vereinen soll.

Franka Becker: Ja, wie ist es dazu gekommen?

Man muss sagen, dass sich der Markt verändert hat. Es gibt einiges an KI-Modellen auf dem Markt, aber wenig bis gar nichts aus dem deutschen Rechtsraum und für den deutschen Rechtsraum. Unabhängig von der anwaltlichen Arbeit ist die deutsche Rechtsbranche, wenn es um Digitalisierung geht, einfach eine ganz spezielle. Vielleicht gibt es da auch das ein oder andere Problem. Die Digitalisierung der Anwaltschaft ist ein problematisches Thema. Wenn ich mit Kollegen darüber spreche, grinst jeder hinter vorgehaltener Hand und denkt: Ja okay, mein Gott, hier läuft nicht alles rund. Wir sind auch, muss ich leider sagen, nicht unbedingt Vorreiter auf dem Gebiet. Das geht schon los bei Kanzlei-Software. Ich hoffe, dass man mir das nachsieht, aber es gibt wenig bis keine guten Anbieter auf dem Markt.

Damals hatte ein Kollege ein größeres Mandat und fragte mich: „Franka, kennst du dich aus?“ Er hatte einen Vertrag und wollte gerne ein Mandat abgeben. An diesem Vertrag wurde wirklich jahrelang mit unterschiedlichsten Parteien herumgedoktert. Da geht es nicht nur um das rein Juristische, sondern auch um die Politik und das Menschliche hinter den Klauseln. Es gab fünf Stimmen, die diese Wettbewerbsklausel entschieden haben: den CFO aus dem einen Unternehmen, den CEO aus dem anderen und drei General Counsel. Und wir wissen ja: drei Rechtsanwälte, drei Meinungen.

Sprecher: Nur drei Meinungen?

Franka Becker: Ja, schön wär's, nicht wahr? Aber das war ein Riesenthema. Es gab wirklich tausende E-Mails, ungelogen. Und er meinte, er würde das gerne für seinen Nachfolger so aufbereiten, dass dieser noch weiß, warum diese Klausel entschieden wurde und wer was dazu gesagt hat, um sich nicht in die Nesseln zu setzen. Dann meinte er: „Es gibt nichts dafür.“ Ich habe mich mit einem ehemaligen Kollegen und Freund zusammengesetzt und gesagt: „Lass uns da mal etwas bauen.“ Wir haben eine erste, sehr rudimentäre Version gebaut, weniger als ein MVP. Damit konnte der Kollege dann sein Problem lösen. Und das Ganze berufsrechtskonform und sicher.

Sprecher: Das war der Klassiker: Marktlücke, ich habe eine Idee.

Franka Becker: Ganz genau. Dann haben wir gesagt: „Mensch, jetzt haben wir da etwas, lass uns das doch mal entwickeln.“ Aber wie es vielen so geht und gerade mir – ich baue mir durch die Möglichkeit von Vibe-Coding gerne den ein oder anderen Assistenten. Zum Beispiel: Wie sind gerade die Wellenbedingungen? Wie ist der Swell? Wenn es super gut ist an dem Ort, an dem ich lebe, dann setz doch mal proaktiv einen Blocker in den Kalender. Das sind kleine Spielereien. Wer da Interesse hat, gerne melden. Aber der Schritt von „Ich habe eine kleine Spielerei gebaut, die sinnvoll ist“ hin zu „Ich baue daraus ein Unternehmen und bringe es auf den Markt“ – das sind, wie ich im letzten Jahr gelernt habe, zwei richtig unterschiedliche Paar Schuhe.

Sprecher: Du musst gleich erzählen, wie das weitergeht. Ich stelle mir die größte Hürde erst einmal vor, den Staub von den Anwaltsakten zu blasen und diese in Bits und Bytes umzuwandeln.

Franka Becker: Genau. Ich habe mich jetzt mit meinem Mitgründer Fabian zusammengesetzt, den ich über einen gemeinsamen Arbeitskollegen kannte. Er sagte: „Mensch, ich habe Lust, aus diesem Produkt ein Unternehmen zu machen.“ Fabian Rittmeier und ich sind die Gründer von PyleHound. Wir haben uns Gedanken gemacht: Wie geht man an die Branche heran? Was braucht die Branche? Da haben mir meine Kolleginnen von gunnercooke sehr geholfen, weil ich in beiden Welten unterwegs bin. Ich bin Produktentwicklerin, aber auch Anwenderin. Ich weiß, wie es aussehen sollte und was mir helfen würde. Aber nicht nur jeder Anwalt hat eine andere Meinung, sondern auch eine andere Arbeitsweise. Deshalb ist es schön, wenn man den Input von den Kollegen und von unseren Nutzerinnen bekommt. Das ist ein Prinzip von PyleHound, das uns unfassbar wichtig ist. Aber vielleicht springe ich schon zum nächsten Thema und greife dir unfassbar vor.

Sprecher: Genau, du bist ein bisschen gesprungen. Es gibt ein relativ strenges Berufsrecht für Juristen in Deutschland, und die Digitalisierung ist ein ganz anderes Kapitel. Wie kommt ihr aus diesem Dilemma raus?

Franka Becker: Darüber haben wir uns als Erstes Gedanken gemacht. Wenn man sagt, man nutze ein Large Language Model von Google, rennen erst mal alle Anwälte schreiend aus dem Raum.

Sprecher: Und kommen zurück mit Transparenten, auf denen DSGVO steht.

Franka Becker: Genau, DSGVO und Berufsrecht, das noch eine Ecke strenger ist. Da gehen sämtliche Alarmglocken los, auch bei mir als Anwältin. Mandatsgeheimnisse – wenn man das verletzt, ist das ein No-Go. Da kann man den Laden direkt dichtmachen. Bei PyleHound nutzen wir keine Cloud-Lösung. Wir schicken die Daten wirklich nur eine Sekunde raus ans LLM. Das sagt auch der Anwaltverein. Die Bundesrechtsanwaltskammer sagt, dieses kurze Raussenden verschlüsselt an das LLM und die direkte Löschung der Daten, also keine Zwischenspeicherung, ist nicht mal ein Offenlegen im Sinne des Paragraphen 203, also des Berufsrechts. Wir gehen aber noch einen Schritt weiter. Wir haben die Daten nicht in einer Cloud liegen, die gehackt werden könnte, sondern die Daten bleiben auf dem Rechner des Anwenders. Das hat Vorteile und Nachteile. Bei Themen wie Zusammenarbeit müsste man die App entsprechend punktuell öffnen. Aber erst einmal ist das sicher. Wenn der Rechner nicht geklaut wird, kommt niemand an diese Daten heran.

Und weil du von den verstaubten Akten geredet hast: Ich kenne das auch noch, dass man in irgendwelchen Kellern herumkriecht, kurz vor der Stauballergie, und kistenweise Akten durchsieht, um nach einer Frist oder einem Datum zu suchen. Da war die Digitalisierung doch nicht so schlecht, denn das meiste ist digital verfügbar, in digitalen Aktenräumen und Datencentern. Die Akten, die Dokumente liegen digital vor. Thema ist an der Stelle die Qualität, aber da haben wir bei PyleHound Lösungen gefunden. PyleHound kann wirklich unleserliche Scans, die das menschliche Auge fast nicht mehr entziffern kann, und vergilbte Scans wieder leserlich machen und vor allem mit dem Inhalt arbeiten. Handschriften und Audiodateien sind kein Problem.

Sprecher: Das ist wahrscheinlich schon der zweite Schritt, so wie du ihn beschreibst. Ihr habt gesagt: Ich habe so eine Idee, das muss so und so funktionieren, und wir müssen das erst mal so hinkriegen, dass es dem Berufsrecht entspricht. Wie ging das dann weiter? Ich möchte diese Gründeratmosphäre schnuppern. Habt ihr auf einer Kiste Bier gesessen, in einer dunklen Ecke, und gesagt: Das muss rein, das muss rein? Oder hat das jeder für sich gemacht? Wie lief das bei euch?

Franka Becker: Diese romantische Gründeratmosphäre, wie du sie beschreibst, liegt bei uns noch ein bisschen in der Luft. PyleHound ist komplett eigenfinanziert. Wir haben kein Funding von außen. Deswegen sind wir Start-up durch und durch.

Sprecher: Wie viele Leute seid ihr jetzt?

Franka Becker: Wir sind zwei Gründer und haben drei Mitarbeitende auf unserer Payroll.

Sprecher: Und der Gedanke, den ich mir so romantisch vorgestellt habe, den gibt es gar nicht?

Franka Becker: Doch, den gibt es auf jeden Fall. Nicht auf dem Bierkasten, aber vor einem Berliner Späti. Wir saßen in gemieteten Büros von befreundeten Start-up-Gründern, die schon einen Schritt weiter waren. Wir haben Ewigkeiten telefoniert, weil Fabian in München lebt und ich in Portugal. Wir saßen viel in Fabians Wohnzimmer. Dort ist der eigentliche PyleHound zu Hause. Der Name kommt daher, dass man sich einen Hund vorstellen muss, den Pyle-Hound, der durch einen großen Haufen Papier durchschnüffelt und genau die Zeile sucht und auch findet, die gefunden werden soll – ganz begeistert mit der Nase drin.

Wir haben dann Umfragen gemacht, auch in meinem Kolleginnenkreis, welche Features noch notwendig wären. So gehen wir immer noch vor. Wir haben erst jetzt – ich glaube, der Newsletter kommt heute oder morgen raus – eine ganz aktive Umfrage an unsere Nutzer und Nutzerinnen gestellt. Wir fragen: Wir machen jetzt unsere Feature-Roadmap für das zweite Halbjahr 2026. Ihr dürft euch etwas wünschen, ihr dürft mitentscheiden.

Sprecher: Das ist ja cool.

Franka Becker: Ja, das ist genau das, was wir machen können, weil wir völlig autark und völlig frei sind. Das ist mir persönlich sehr wichtig, wie du weißt. Wenn unsere Nutzer sagen: „Mensch, ich hätte gerne die Anbindung an diesen Datenraum“, oder: „Ganz ehrlich, Leute, Ihr habt euch bestimmt etwas dabei gedacht, aber die UI ist wirklich unübersichtlich“ – wenn das ein sinnvoller Hinweis ist, gehen wir darauf ein und setzen das gerne um. Wir wollen einfach das beste KI-Tool für den deutschen Markt bauen, aus dem deutschen Markt heraus. Wir wollen nicht einfach den deutschen Markt mit einer Fertiglösung überschwemmen, nach dem Motto: „Friss oder stirb, wir sind ein großes Unternehmen.“

Sprecher: Ich muss die Frage stellen – das Finanzamt hört weg – Ihr macht das alles aus eigener Schatulle. Verdient Ihr schon Geld?

Franka Becker: Wir beide Gründer zahlen uns aktuell kein Gehalt aus. Wenn Einnahmen da sind, reinvestieren wir sie. Aber wir tragen uns selbst und haben von Anfang an schwarze Zahlen geschrieben.

Sprecher: Wie ist der Businessplan, wenn wir das Gespräch in 365 Tagen führen, also im Sommer 2027? Wo sind wir dann?

Franka Becker: Dann nutzt natürlich jeder Anwalt und jede Anwältin in Deutschland PyleHound und denkt sich: Mein Gott, das hätte ich schon viel früher haben sollen. Nein, im Ernst: Der Businessplan ist, dass wir gerade sehr viele mittelgroße und Boutique-Kanzleien gewinnen, aber auch Einzelanwältinnen, die einen richtigen Mehrwert aus dem Produkt haben. Denen soll die Angst oder die Hürde des Umgangs mit KI genommen werden. Sie können vielleicht Mandate annehmen, die sie vorher nicht annehmen konnten. Mandate, die ihnen von den Großen weggeschnappt wurden, die nicht nur viel mehr Personal-Power dahinter haben, sondern auch die besseren Preise von den größeren Software-Anbietern bekommen – ohne jetzt Namen zu nennen. Genau diese Kanzleien sollen so mächtig mit KI umgehen können wie die großen Player am Markt können. Sie sollen nicht mehr Mandate weggeschnappt bekommen, sondern die spannenderen Mandate annehmen können und ihre Mandanten besser beraten können.

Das ist unser Ziel, unabhängig davon, wo wir monetär stehen wollen. Ich möchte, dass die Leute sagen: „Mensch, ich habe wieder richtig Spaß an meinem Beruf, oder noch mehr Spaß, weil ich mich jetzt auf das Wesentliche fokussieren kann.“ Ich kann mich darauf fokussieren, 20 Minuten länger mit meinem Mandanten zu quatschen und noch mal ein bisschen intensiver reinzugehen. Ich habe mehr Kopf frei für Strategie, für das Zwischenmenschliche, für die empathische Seite des Berufs, wo ich vorher etwas abschneiden musste, weil es lange gedauert hat, diese 500-seitige Akte durchzugehen, und ich vielleicht nur in einem Team von fünf Leuten bin.

Sprecher: Hast du eine Mission?

Franka Becker: Ich glaube, das ist die Mission.

Sprecher: Wenn die KI halluziniert, wachsen dir trotzdem keine grauen Haare?

Franka Becker: Na ja, das mit den grauen Haaren …

Sprecher: Ich stelle die Frage anders. Ich habe in einem sehr schönen Interview von dir gelesen, dass euer Modell an bestimmten Stellen sagt: „Sorry, weiß ich nicht.“ Wir kennen ja KIs, die halluzinieren und dann sagen: „Das und das Urteil von dem und dem Landgericht“ – und das hat es so nie gegeben. Wie macht ihr das?

Franka Becker: Jeder Anbieter von KI, der sagt: „Wir bieten unsere Lösung halluzinationsfrei an“, der lügt schlichtweg. Es ist nicht möglich, eine KI-Lösung anzubieten, die nicht halluziniert. Und es ist tatsächlich gar nicht so leicht, der KI das auszutreiben, weil sie der willigste Praktikant ist, der unbedingt ein Ergebnis liefern möchte. Da kommen manchmal Sachen heraus. Was wir machen: Wir lassen PyleHound lieber sagen: „Ich weiß es nicht. Es gibt für mich hier keine Quelle, die ich zu hundert Prozent sicher zugrunde legen kann.“ Das hat tatsächlich unsere Nutzerinnen und Nutzer am Anfang etwas irritiert, weil sie es so nicht kennen. Sie sind es gewohnt, von der KI immer ein Ergebnis zu bekommen. Aber das Wichtige ist, dass wir Anwältinnen hier auch hinterfragen. Das ist Teil unseres Berufsrechts. Wir müssen nicht nur korrekt mit den Mandantendaten umgehen, sondern auch alles prüfen. Es gibt die bekannten Fälle, die durch die Presse gingen. Ein Anwalt hat einen Schriftsatz eingereicht, und die dort zitierten Urteile waren frei erfunden. Das darf nicht passieren. Das ist nicht nur peinlich, das kostet einen die Zulassung.

Genau das nehmen wir bei PyleHound sehr ernst. Wir geben den Nutzerinnen die Möglichkeit, während des ganzen Prozesses, während der Arbeit mit KI und während des ganzen Chats, alle Quellen und alle Textzeilen zu verifizieren. Wir haben eine Funktion, bei der man mit der Maus drüber gehen kann und direkt angezeigt bekommt, aus welchem Originaldokument das stammt. Man muss also nicht parallel dazu seine Akte offen haben. Wenn dort steht, der Angeklagte hat einen Schaden von 3.000 Euro verursacht, denkt man: Okay, kann das stimmen? Die KI sagt es, aber ich muss es mir nochmal anschauen. Dann fängt man wieder an zu blättern – damit ist niemandem geholfen. Genau diese Verknüpfung ist bei PyleHound wirklich einer der USPs.

Sprecher: Wir haben viel über deine Vision, dein Unternehmen und das Berufsrecht geredet. Wann bleibt dir eigentlich Zeit zum Surfen? Du hast gesagt, du lässt dir proaktiv in den Kalender eintragen, wann die Superwelle kommt. Wann kommt sie?

Franka Becker: Sollen wir mal nachschauen?

Ich hoffe am Wochenende, wenn ich wieder zu Hause in Portugal bin. Das würde mich sehr freuen. Ich glaube, das Ganze ist gutes Zeitmanagement und die Freiheit, seinen eigenen Tag zu gestalten.

Sprecher: Wie sieht dein Tag aus?

Franka Becker: Das kommt sehr darauf an. Ich war die letzten drei Wochen komplett auf Reisen. Ich bin viel auf Reisen und verbringe viel Zeit an Flughäfen. Das ist schön, denn witzigerweise liebe ich Flughäfen. Das war auch etwas, was mir während Corona am meisten gefehlt hat. Irgendwann hatte ich Sehnsucht danach, mir nach einem Langstreckenflug am Flughafen morgens die Zähne zu putzen. Es war ganz seltsam. Aber Gott sei Dank bin ich gerne auf Reisen und gerne unterwegs. Jeder Tag sieht anders aus. Ich versuche das sehr individuell zu gestalten. Wenn die Wellen zwischen zwei und vier gut sind, lege ich mir da einen Blocker rein, stehe aber entsprechend früher auf und sitze abends länger dran. Das ist das Konzept, das mir ermöglicht, dieses intensive Pensum so lange aufrechtzuerhalten – auch aus psychologischer Sicht, Stichwort Burnout. Ich glaube nicht, dass ich das in einem fixen Zeitplan könnte, der jeden Tag gleich aussieht. Ein einfaches 9-to-5 jeden Tag würde mir schwerer fallen, muss ich sagen.

Sprecher: Und deine Mandanten machen mit?

Franka Becker: Ja, meine Mandanten machen mit. Ich zitiere sie aber auch nicht um fünf Uhr her. Selbstverständlich, wenn die Hütte brennt, gehe ich nicht surfen.

Sprecher: Deine Mandantschaft ist nicht der Verkehrssünder, nicht der Scheidungskandidat oder die Arbeitsrechtsgeschichte. Eure Mandantschaft ist sehr familiär, oder?

Franka Becker: Meine Mandantschaft besteht hauptsächlich aus Tech-Unternehmen, Start-ups und Scale-ups, auch Unternehmen in der Entertainment-Branche und Unternehmen, die ähnlich wie ich arbeiten, größtenteils remote verteilt auf der ganzen Welt. Die finden es total normal, wenn ich mich remote aus Portugal zu einem Termin dazuschalte. Die würden eher nervös werden, wenn ich plötzlich zum Termin auf der Matte stehen würde. Dann würden sie sich denken: Mein Gott, Franka, was ist passiert? Hast du die Finanzbehörde mitgebracht? Müssen wir mit der Datenschutzbehörde rechnen? Das sind genau diese Erwartungshaltungen, die bei einer Einzelperson vielleicht bestünden, dass man sich persönlich trifft. Ich gehe zum Beispiel auch nicht vor Gericht. Deswegen ist das möglich.

Sprecher: Welche Mandate bearbeitest du thematisch?

Franka Becker: Ich bin im sehr technischen IT-Recht unterwegs.

Sprecher: Kann man sagen, du machst Dinge wasserdicht?

Franka Becker: Ja, genau, man kann sagen, ich mache Dinge wasserdicht. Ich möchte, dass es gar nicht erst zu einem Gerichtstermin kommt. Alles, was mit Technik zu tun hat – IT-Security, IT-Infrastructure, aber auch Datenschutz – da bin ich zu Hause in dem Bereich. Auch bei größerer strategischer Unternehmensstrukturierung, wenn man von Compliance spricht, oder Finanzierungsrunden. Alles, wo man unternehmerisches Denken mit Recht verbindet, das ist mein Sweet Spot.

Sprecher: Danke Franka Becker für den Besuch bei heise meets …, danke für ein spannendes Gespräch. Anwältin, Unternehmerin, Surferin. Und als das Mikro schon ausgeschaltet ist, erzählt sie: Sie ist auch Marathonläuferin. Das müssen wir dann doch noch hören. Also Mikro wieder an.

Franka Becker: Ja, das hatte ich vorhin bei der Aufzählung komplett vergessen.

Sprecher: Wie kann man einen Marathon vergessen?

Franka Becker: Vielleicht habe ich den verdrängt, weil ich gestehen muss: Es war schmerzhaft. Trotzdem werde ich es wieder tun. Ich laufe den Valencia-Marathon nochmal im Dezember und habe mich für den London-Marathon angemeldet. Aber das ist mittlerweile alles mit Verlosung. Mal gucken, vielleicht komme ich rein.

Sprecher: Wie sind deine Zeiten?

Franka Becker: Das fragt man nicht. Aber ich bin nicht sonderlich schnell. Ich hoffe, die vier Stunden zu knacken beim nächsten Mal.

Sprecher: Das ist eine Ansage. Hallo, das darf man fragen.

Franka Becker: Eigentlich hat mich meine beste Freundin zum Laufen gebracht. Sie wohnt in Stuttgart, und wir haben eine Long-Distance-Friendship. Wir treffen uns alle paar Monate in Europa in unterschiedlichen Städten und laufen dort gemeinsam meistens einen Halbmarathon. Wir waren jetzt im März in Prag, das war wunderbar. Am Wochenende treffen wir uns tatsächlich bei mir im Dorf und laufen dort den – ich glaube, er heißt eigentlich Feuerlauf, aber man nennt ihn liebevoll den Sardinenlauf. Bei der Anmeldung bekommt man einen Gutschein für Sardinen, die man sich nach dem Lauf abholen kann. Die werden dann an Stöcken über dem Feuer gebraten. Das ist sehr ursprünglich und vom Vibe her wirklich der schönste Lauf. Die Stimmung dort ist wie beim Valencia-Marathon. Man läuft um die Halbinsel von Peniche herum. Die Restaurants stehen draußen, die Köche stehen draußen und klopfen ihre Kochtopfdeckel zusammen und kreischen und schreien. Man kann viele kleine klebrige Kinderhände abklatschen. Die freuen sich alle wahnsinnig. Jeder Kilometer ist ein riesengroßes Feuer. Der Lauf findet bei Nacht statt, was die Pfadfinder dort betreuen und hochziehen. Die Stimmung ist wahnsinnig.

Sprecher: So, nun wissen wir das auch noch. Die nächsten 800 Folgen bei heise meets … reservieren wir schon mal für Franka Becker, denn wir sind uns sicher, es wird nie langweilig. Danke und auf bald.

Sprecherin: Das war heise meets …, der Entscheider-Talk. Sie wollen mehr erfahren? Dann besuchen Sie uns auf heise-meets.de. Wir freuen uns auf Sie!

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